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Ein kleines Juwel – der Zündfunk Netzkongress

Vonall42ponies 4 Wochen zuvorKeine Kommentare
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Der Zündfunk Netzkongress 2017, ausgerichtet vom BR in Partnerschaft mit der Süddeutschen Zeitung, den Digital Media Women, dem Chaos Computer Club und dem Münchner Volkstheater, hatte echt Substanz. Seit langem mal wieder eine Veranstaltung, bei der die digitale Branche sich nicht selbst feiert für Dinge, die eigentlich (vor allem im internationalen Vergleich) gar nicht soooo feiernswert sind. Sondern eine Veranstaltung, bei der Menschen ihre Gedanken, Erfahrungen und ihre noch offenen Fragen zu aktuell gesellschaftsrelevanten Netzthemen interessant und fundiert präsentiert haben.

Und es gab Diskussion! Naja, zumindest wurde viel nachgefragt, und nicht einfach nur geschluckt, was da auf der Bühne vorgetragen wurde. Auch nicht von uns 42ponies*. Ergo: Hier kommt unser #zf17 Samstags-Recap.

 

Von Cyberwar und „Reinschnorcheln“

Constanze Kurz, Redakteurin bei forscht zu Überwachungstechnologien, Ethik in der Informatik und zu Wahlcomputern. Eine rundum beeindruckende Frau, die Samstagmorgen die Keynote hielt und dem Publikum kompetent und unterhaltsam Einblicke, Durchblicke und vor allem einen Ausblick auf die Themen „Cyberwar“, „künstliche Intelligenz“ und „Hacking“ lieferte. Dass es für Staaten klare ökonomische Anreize für Hacking gibt, dass die Ausgaben für Geheimdienste vor allem in den USA astronomisch hoch sind (und diese Budgets vielleicht anders und besser zum Wohl der Gesellschaft investiert werden könnten; deutsche Geheimdienste spielten dagegen in der Kreisliga), dass medial eher das tagesaktuell politisch opportune Cyberwar-Narrativ gespielt wird (obwohl im Rest der Welt das Hacken ja nicht plötzlich aufhört), dass es sehr viele interessante kognitive Dissonanzen bei den Themen „Cybersecurity“ und „Privacy“ gibt. Besonders spannend war auch ihr kritisches Hinterfragen der technischen Errungenschaften, wie zum Beispiel bionischer Prothesen: Müssen diese komplett vernetzt sein? Und dazu noch mit dem Smartphone per App steuerbar? Falls die Antwort wirklich „ja“ sein sollte, denken Hersteller das Thema „Security“ überhaupt mit? Bisher scheint das nicht wirklich der Fall zu sein. Am einprägsamsten war allerdings Kurz‘ Optimismus. Ob man angesichts der erdrückenden Faktenlage den „reinschnorchelnden“ Hackern, Staaten, Geheimdiensten ohnmächtig gegenübersteht? Mitnichten! Jeder Einzelne kann durch seine Handlungen, sein Nutzungsverhalten und seine Stimme in der Diskussion dazu beitragen, dass Privatsphäre nicht untergeht.

 

 

Von edgy Talk und Yolocaust

Shahak Shapira, von einigen als „one of the greatest of our times” betitelt, erzählte im Anschluss auf der großen Bühne in seinem „edgy Talk mit geisteskranken PowerPoint-Flammeneffekten & Inspirational Highperformer-Mindset” über seine viralen Erfolge Yolocaust.de und #HeyTwitter. Und gab ganz pragmatisch Tipps und Formeln für den eigenen Angang an #socialfame an die Hand. Er ist der Meinung: Kunst erkennt die Probleme, macht sie sichtbar. Es braucht also ein Problem, dazu eine Idee bzw. einen Insight (am besten einen unerwarteten, der im Idealfall noch witzig ist). Und dann noch eine Mechanik. Beim Projekt „Yolocaust“: Das Problem sind Menschen, die ignorante Selfies mitten im Denkmal für die ermordeten Juden in Berlin schießen. Wie am besten darauf aufmerksam machen und die Menschen zum Nachdenken bringen? Die Idee: Die posierenden Personen in grausige Fotos der NS-Verbrechen photoshoppen. Das Yoga-Duckface-Mädchen inmitten jüdischer Leichen. Die Mechanik bei solch explosiven Bildern bestand dann „lediglich“ aus dem Erstellen einer Webseite mit den Bildern. Innerhalb weniger Stunden hatte Shahak Shapira tausende Besucher und die Aktion verbreitete sich rasend schnell.

Die Erfolgsformel lautet: Problem + Idee + Mechanik. Das garantiert natürlich nicht Ruhm und Ehre, denn eine gehörige Portion Glück gehört auch dazu. Aber es soll uns nicht davon abhalten, zu kreieren. Shapira mal nachzulesen, und vor allem nachzusehen, ist empfehlenswert. So wie dieser Fünf-Minuten-Beitrag über seine Yolocaust-Aktion.

 

Von Meme-Magic (und „Shut up and take my money”)

Unglaublich inspirierend war der Vortrag von René Walter, Gründer von nerdcore.de und Erfinder von „Shut up and take my money“ (da war ich etwas starstruck, muss ich zugeben). Bei Walter ging es um „Das neue geile Internet“ (anschauen!). Um die transformative Kraft, die digitale Ströme – oft ausgehend von Communities wie  , manchmal aber auch von einzelnen Akteuren mit durchschlagenden Ideen – auch für das nicht-virtuelle Leben entfalten können. Es geht nicht mehr um Fakten im Netz. Schon lange nicht mehr. Es geht um Polarisierung, um Emotion, um einen Zustand der Dauererregung. Von „schöner neuer Utopie“ und den Potenzialen des „Mitmach-Webs“ zu einem vergifteten Diskurs im Netz entwickelt – quasi zu einer Hasskultur. Was können wir aber dagegen tun? Eine These: Den Dialog offline nehmen und jeden einzelnen Troll in den Arm nehmen? Nein. Die Meinungsströme formen sich im Netz, verbreiten sich durchs Netz und sollten auch im Netz gegengeformt werden. Digitale Sozialarbeiter als Lösungsvorschlag, die in die digitalen Communities gehen und den Dialog suchen. Mit dicker Haut und Verständnis für die Sprache der Communities. Ein weiterer Ansatz, um die Hasskultur aufzubrechen: Podcasts als Format für mehr Empathie, für mehr Menschlichkeit.

 ….

 

Von Social Bots, der Facebook-Suche und Nafri-Schokolade

„Können Social Bots Wahlen gewinnen“, hieß der Titel von Tabea Wilkes Vortrag. Sie ist Geschäftsführerin der botswatch GmbH, einer for-profit Firma (die man allerdings auch mit Spenden unterstützen kann …), die sich mit der Auswertung und Analyse von Social Bots beschäftigt. Die Antwort auf die Vortrags-Frage hat Wilke zumindest während des Q&A nicht geliefert, da die Auswertung der Daten in diesem Detailgrad erst noch aussteht. Allerdings hat sie eine Zahl mitgebracht, die durchaus schon zum Denken anregt. In Deutschland wurde in der Woche vor der Bundestagswahl von botswatch eine höhere Bot-Aktivität und ein höherer Bot-Index festgestellt als bei den US-Wahlen. Während sie auf Publikumsfragen, ob Social Bots in der Tat Wahlen gewinnen könnten, nicht direkt antworten wollte, so hat sie es zumindest im Nachgang auf Twitter so formuliert: „Ja, Social Bots können Wahlen beeinflussen, und ja, sie können Stimmungen manipulieren. Das macht sie relevant.“

Wie man richtig auf Facebook sucht, erklärte Jan Eggers vom Hessischen Rundfunk in seinem Hands-on-Workshop „Dressieren der Datenkrake“. Für Newbies besonders interessant, aber selbst für alte Facebook-Hasen waren einige wirklich hilfreiche Search-Tipps dabei. Seine Präsentation hat er netterweise auch gleich online gestellt.   

Am späteren Nachmittag, als die Hirnkapazität des Publikums vor lauter Informations-Overload schon etwas nachzulassen drohte, kam Nadia Doukalis Vortrag gerade recht. Sie hatte Schokolade für alle!! Und eine Powerfrau, die wunderbar bodenständig, entspannt und trotzdem mit Haltung mit dem Thema „Religion“ umgeht. Und eine Frau, die tatsächlich etwas tut, wenn es ihr gegen den Strich geht. Wie zum Beispiel „Nafri“ als Marke anzumelden, damit der Begriff nicht für unlautere Dinge verwendet werden kann. Oder den muslimischen Adventskalender iftarlender für Ramadan entwickeln.

 

 Von Filterblasen und ganz vielen Daten

Am meisten beeindruckt hat beim Netzkongress, dass die Vorträge mit Zahlen und recherchierbaren Fakten gespickt waren. Bei der Zielgruppe Journalisten, gefühlt vor allem journalistischer Nachwuchs, allerdings keine wirkliche Überraschung. Davon können sich Marketingkongresse fünf dicke Scheiben abschneiden. Besonders schön haben das Simon Hurtz und Katharina Brunner von der SZ gemacht, die ihre große „Facebook-Datenrecherche und -auswertung zur politischen Nutzung von sozialen Netzwerken“ vorgestellt haben. Inklusive sehr offener Erlebnisberichte aus den Filterblasen-Experimenten.

 

It’s a yes from us 

Wir sind im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei. Und können den Zündfunk Netzkongress wärmstens empfehlen. Wer das Gefühl bekommen möchte, dass im Netz doch nicht alles verloren ist, dass wir der Zukunft optimistisch (wenn auch kritisch-vorsichtig) entgegensehen können und dass es ziemlich viele schlaue Köpfe in der deutschen Szene gibt: #zf17 is the place to be.

Da wir nur den Samstag teilnehmen konnten, haben wir den viel-gelobten Freitagabend-Auftakt leider verpasst. Aber auch hier gibt’s die Vorträge auf der offiziellen YouTube-Playlist nachzuschauen.

 

 

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